Samstag, 29. Dezember 2007

Madame, herzwärts.

Aber meine Dame, man ahnt es kaum,
wir sind ein ganz und gar betrübliches Unterfangen,
ein Missgeschick dersondersgleichen, wir stöckeln
auf Stöckelschuhen rum wie Pinguine
in der Wüste und unsere Schulter bleiben auch nie,
wo sie sollen, wo sie bleiben
gehören sie nicht hin.

Madame, man mag es kaum glauben,
wenn wir Heuschnupfen haben niesen wir,
als ginge die Welt gerade unter und in Kleiderläden
diskutieren wir noch über Bücher. Meine Dame,
ein unendlicher Hunger hat Besitz ergriffen von mir.
Ich steche mit meinen Blicken durch das ewig-
triste Grau dieses Winters, wedele mit Händen
durch die Luft als könnte ich den Nebel
durch solche ein Verhalten vertreiben. Madame,
wie sie sicherlich sehen: Er ist noch immer da.

Man nennt es gemeinhin Depression, wenn alles
niederdrückend ist. Aber Madame, jeden Morgen müssen wir
aufstehen. Jeden Morgen Rechenschaft ablegen für alles,
was wir getan haben und allzu oft für alles,
was wir nicht getan haben. Beispielsweise
hinzugehen und die Liebe rauszuschreien.
Welche Liebe fragen Sie, Madame?

Die Liebe halt, die uns Stück für Stück verloren geht.

Gehaben Sie sich immer wohl in Ihrem beigefarbenen
Mantel, versteckt unter Mütze
und hinter Schal. Sie haben sich gewiss
einen großen Raum in meinem Herzen verdient, nein,
den Zugang zu diesem Raum haben Sie sich,
so nehme ich nun an, selbst geöffnet.

[Und immer dieses Gefuchtel mit den Worten,
als gäbe es sonst nichts.]

Der letzte Gedanke für diese Nacht.

Es ist eben Arbeit, ein guter Mensch zu sein.

Herz; zerfurcht--

Madame, wir fahren nach Budapest, ich hoffe Ihre Koffer sind weitesthingehend gepackt; es ist ja eine unsägliche Anstrengung in dem Chaos sich noch zurecht zu finden, Madame, seit ich hier wieder einzog, stehen Betten quer und Tische nicht mehr auf ihren Beinen, Madame, man mag es kaum glauben, aber alles steht Kopf. Madame, herzzerfurcht schreibe ich Ihnen aus dieser Nacht, wo ich Sie doch in wenigen Stunden sehe, in wenigen Stunden mit Ihnen durch die für Fußgänger angelegte Zonen streife, in welchen sich die Fußgänger von Schaufenster zu Schaufenster herzwund laufen; Madame, Konsum und Konsum ist das ganze Leben, das sage ich Ihnen, das ganze Leben ist Konsum und nie hat man genug konsumiert; nein, ein Leben kann auch unmöglich dafür reichen, Madame! Hochachtungsvollst wie eh und je begegne ich Ihnen, jedoch : herzzerfurcht, ganz und gar. Madame, mitten in der Mitte befindet sich dieses Ding, diese Furche, die mir so unsäglich Schmerzen bereitet, unsäglich! Madame, wäre die Nacht doch nur dunkler, die Stunde später, das Leben ein anderes! Aber wir tragen das unsere und davon nur das eine; und Madame, manchmal weiß ich nicht, was mir schlimmer scheinen mag: Das eigene Leben tragen zu müssen, fürs eigene Leben geboren zu sein oder nur eines davon zu haben. Madame, ich liebe Sie, gestehe ich, wie die Schwester ihre große Schwester und verbleibe stets in wohlgesonnen Gedanken an Sie.

Aime, alias.

[Abend in unseren Herzen]

soir

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