Sonntag, 6. Januar 2008

[Richtung Heimat, halt mich.]

Untitled_Seite1_-6

Dann nahm ich seine Hand
und führte sie ihm zu Gesicht.
Er sagte: Stör mich nicht!
Ich muss mich jetzt aufs Sterben konzentrieren.

Wir fuhren lang. Es lebte eine Landschaft
um uns laut auf. Sie zog sich bunt und farbenmächtig an.
Wir zogen dran vorbei.
Er sagte: Stör mich nicht!
Es ist ganz einerlei. Ein jeder Mond weiß aufzugehn.
Ein jedes Feld sich grün zu kleiden.

Die Sonne weiß an welchem Ort
sie standhaft bleiben muss.
Es spriest auf jedem Acker neuer Weizen.
Ein jeder Bäcker sorgt für Brot.
Nur ich, ich möchte sonst nichts weiter.

Drum halte still, es tut nichts not.

Aufgegabelt

6_131_schmetterling"Starke Menschen, insbesondere starke Frauen haben nur zwei Optionen.
Die Verschleierung ihrer Stärke oder die Einsamkeit.

Beides dient dem Überleben. Das ist ein Fakt.
Es gibt keinen Mann, der die Ebenbürtigkeit einer Frau ertragen könnte, weil das den Mann psychologisch kastriert.

Solchen Frauen bleiben eben nur diese beiden Optionen - was solange ihre Tragödie ist, solange sie diese Wahrheit nicht erfassen können."

Madame und ich

Beginn: Tag: Irgendeiner, Jahr 2000nochwas, Himmel graubewölkt; Uhrzeit: vorhanden; Sterne: noch müde; Stimmung: naja. Musik: leise im Hintergrund. Chronologie: und wenn. Stimmung: suizidal.


Und so begann der Tag an dem ich mich auftat, leben zu wollen, in der Tat, ich spreche wahr und ungelogen; so bat ich Madame mir ein Stück Herz zu geben, setzte mich wieder an den Flügel, spielte wieder die Ballade, sang die Töne leise vor mich hin - - - ; wie weit ich in meinen Gedanken folgen könne, so malte ich auf ein Stück Papier ein Zeichen; mehr nicht, seitenweise. Madame stand an meiner Seite, wurde plötzlich traurig, weil ich schwieg, lächelte dann wieder, ich fuhr sie an, warum sie denn nicht mit mir rede, war neidisch auf Madame, weil sie auf einmal glücklich war und ich nicht, dann begann ich Madame zu hassen, weil sich ihre Stirn in Falten legte und sie sich böse umblickte, als sie im Schlaf gestört wurde. Wir waren zwölf Stunden unterwegs, in Wahrheit waren es aber mehr. In den Pausen zündeten wir uns Zigaretten an, was sonst, man muss es sich ja warm machen und so traten wir hin und her und taten kleine Gespräche mit anderen, über die wir uns letztendlich nicht einig waren. Madame ist bewundernswert, stelle ich fest, immer wieder. Wie sie lauthals beginnt zu rülpsen, das beeindruckt mich sehr, immer wieder. Das sind aber nicht alle Vorzüge von Madame. Madame hat ein ungemein schönes Lächeln, wenn sie lächelt, allein, sie benutzt es nicht oft im Einklang mit ihren Augen, aber das sage ich Madame nicht, ich schaue sie dann nur wundernd an, bis mir einfällt, vielleicht auch zu lächeln. Madame ist sportlich, wenn es darum geht, Preise zu unterschlagen und sie weiß endlich, wo sie steht. Gezwungenermaßen kann sie jetzt nicht weg, sagt Madame, macht mir aber Mut. - - -; wo die Musik bleibt, frage ich mich beizeiten. Ich müsse nunmal einen geregelten Tagesablauf haben, wenn es acht Uhr morgens schlägt, aufstehen, oder früher, üben, Tee trinken, üben. Ich nicke und stelle fest, dass das unmöglich funktionieren wird, nachdem ich die zweite Nacht bis um drei Uhr der Dunkelheit fremde Gesichter aufmale.

Madame und ich liegen getrennt, malen unsere Träume getrennt, weinen unsere Tränen alleine, sind dabei lautlos wie die Nacht und nur manchmal schreit ein besoffener Englänger von unten ganz laut; etwas zum neuen Jahr, denn es ist bald Neujahr. Madame liegt dann kopfschüttelnd und mit gerunzelter Stirn in ihrem Bett, das vermute ich, wenn sie nicht schon schläft, weil sie genug geweint hat. Am nächsten Morgen sage ich Madame, dass mir alles recht sei, und weil mir alles fehlt, muss ich schweigen, und wenn sie etwas sagt, sie wütend anfahren, weil sie mich in meinem konzentrierten Schweigen unterbricht, weil sie nicht sieht, dass mir alles fehlt, und ich darum gar nichts sagen kann. Wir gehen dann an Kreuzungen entlang, an gedeckten Tischen, an Speisekarten, über Brücken, an Statuen vorbei, ich halte hier und da an, sage: Madame, stell dich doch mal so hin; Madame stellt sich hin, warum ich manchmal so gemein bin zu Madame, kaue ich auf meine Lippen, und denke mir, dass es an der Gemeinheit meines Wesens liegen müsse und rein gar nichts mit Madame zu tun habe; dann bricht der Himmel, erst weiß, dann bunt, dann schwarz, dann gehen die Sterne auf, erst leise, dann immer schneller, dann gruppieren sie sich oder stehen vereinzelt, wie es ihnen beliebt.

Du musst ja nicht alles verraten, sagt einer dann zu mir, und spricht plötzlich überschwänglich von den nötigen Dingen, eben die, welche nötig sind, um andere Dinge zum Funktionieren zu bringen; ich bin ganz schwarz gekleidet, warum ich ganz schwarz gekleidet bin, frage ich mich, während er von den nötigen Dingen erzählt, dann halte ich die Hand vor den Mund: Sei nicht böse, aber ich bin müde, ich tue jetzt ein nötiges Ding, schlafen nennt man das, gemeinhin ungemein nötig, das wichtigste Ding überhaupt; ich denke meine Rede wird ihn überzeugen, er nickt, ganz plötzlich findet er nötige Dinge nicht mehr so nötig, aber: er will mich ja nicht nötigen, ich nicke, sage, das sei ungemein nett, bewundernswert nett, da mit Sicherheit Nötigung kein nötiges Ding sei, er stimmt mir voll zu; ich finde, unser Gespräch verläuft wunderbar; und ich gehe mit dem Gefühl in meinem Traum, etwas absolut sinnvolles, da nötiges zu tun. Ich sage Madame, dass ich mir kein nötigeres Leben vorstellen könne, denn das, das ausschließlich aus Schlaf bestünde. Madame schaut mich aus zusammengekniffenen Augen an, sagt aber nichts. Es ist auch nicht nötig.

An einem Abend also habe ich mit den Tod in den prächtigsten Farben ausgemalt. Zwei Abschiedsbriefe schrieb ich, ohne Worte; einen an meine auf Grund meines Todes tiefleidenden Eltern, um ihnen das Leid zu nehmen und ihnen zu versichern, dass sie die besten Eltern der Welt seien und schon immer gewesen waren; einen an meinen Bruder, um ihm zu sagen, dass er der beste Bruder der Welt sei und schon immer gewesen war, und um ihm inständigst darum zu bitten, um himmelswillen doch nicht traurig zu sein und etwas aus seinem Leben zu machen, etwas Tolles, etwas Besonderes oder einfach nur etwas Glückliches; und das legte ich ihm dann nahe ans Herz: Glücklich zu sein, mein Bruder, ich wünsche mir, dass du glücklich bist. Dann war ich müde, aber an Schlaf war nicht zu denken; also schrieb ich weiter; ohne Worte. Ich erklärte der Dunkelheit all das Bedrückende, all das Unmögliche, sie schwieg und hörte zu, ich schwieg und hörte zu. Und wieder bekam ich keine Antwort, wieder lauschte ich umsonst, als ich herrgottsverzweifelt schrie, ohne meine Lippen zu öffnen.

Wohin das nur führen solle, aber ich hatte mich schon daran gewöhnt. Wann immer ich irgendwo war, hörte ich das Schweigen lauter als alle Worte. Da half nichts. Kein Fest, keine jubelnde Menschenmenge, kein Konzert in der Lautstärke ganzer Walrossarmeen.

Dann setzte ich wieder an, zu schreiben. Lieber ... ., schrieb ich diesmal. Setzte an. Setzte wieder ab. Hob meinen Arm. Ließ ihn wieder auf die lange weiße Fläche neben dem Punkt fallen. Atmete einmal tief, um Kraft zu nehmen für ein erneutes Ansetzen. Ließ wieder die Hand sinken. Saß verzweifelt und stumm und suchte mit durchsichtigen Augen die durchsichtige Luft ab, als wären in ihr irgendwo die Worte, die richtigen Worte versteckt...

Lieber J... ., setzte ich an.
Strich durch.
Zerknüllte das Papier.
Zog ein neues hervor.
Setzte wieder an.
Diesmal langsamer. Lie - ber - - - - ...., - - - - - - - - Dann schrieb ich auf die gesamte weiße Fläche: Lieber ...., Buchstaben an Buchstaben, eine halbe Seite lang, dann hörte ich plötzlich auf, schrieb nur noch den Namen, erst den Vornamen, dann den Nachnachem, dann Vor- und Nachnamen, füllte so die restliche Hälfte des ganzen Blattes; schrieb und schrieb, immer schneller werdend, immer größer werdend in den Schwüngen, immer eifriger, bis ich plötzlich an den untersten, äußersten Rand des Blattes kam, hielt überrascht inne, seufzte laut, holte ein neues hervor, schrieb: Lieber ... ., schrieb nichts, legte mich, blieb liegen und dachte wieder an die nötigen Dinge, die nötigen Dinge, die so unnötig nötigend sind.

Ich fühle mich heimisch in den Cafés. Es ist in etwa überall das selbe. Man kommt, man sitzt, man zahlt, man geht. Man bläst Rauch in den Raum, um ihn dichter zu machen, man unterhält sich. Man begutachtet und wir begutachtet. Das Leben ist ein Café, sage ich zu Madame, und Madame schaut von ihrer Lektüre auf, ohne sich ablenken zu lassen. Es wäre durchaus gelogen, behauptete ich, das Leben biete nicht mehr als eben das. Man kommt, man zahlt, man geht. Es ist überall das selbe. In etwa, füge ich hinzu, um der Tatsache von ihrem Schrecken zu nehmen. Wieder blicke ich auf zu Madame, die augenblicklich in Lektüre versunken liegt, um ihr jubilierend preiszugeben, dass ich es verstanden habe. Dieses Leben, in das wir eingegangen sind, ist ein Café. Aber ich kann Madame jetzt nicht in ihrer Lektüre stören, und zahle. Es wäre aber gelogen, behauptete ich, das Leben sei nicht mehr als eben das. Man bekommt auch. Oftmals sogar mehr, als man überhaupt will. Etwas Süßes oder etwas Saures; als Beilage. und oft zahlt man mehr als der Sache angemessen scheint, und in den meisten Fällen gibt man ein Trinkgeld, ein großes oder ein kleines; je nachdem wie man gerade gebettet liegt. Ich sage Madame, Madame, schau doch mal. Madame schaut. Madame weiß, dass das Leben ein Café ist, aber was macht das schon? fragt sie. Und wenn es etwas machte, wüsste sie auch nicht, warum ihr eine andere Alternative einleuchender sein solle, und das leuchtet mir durchaus ein; und wenn, müsse überhaupt erst eine gefunden werden, und die Cafés seien alles in allem doch recht annehmbar, auch da kann ich nur zustimmen, Madame Recht geben. Schließlich gebe es auch so viele unterschiedliche Cafés wie Leben auf dieser Welt, und man müsse ja nicht in jedes erstbeste gehn, das zweite oder dritte täte es auch und froh solle man sein, wenn man überhaupt in ein Café gehen könne und nicht aus einer Tüte heraus leben müsse, eine von Aldi oder so, in der die Decke für die Nacht liegt und der Proviant für die nächste Woche. Da kann ich auch nur zustimmen, und Madame nicht widersprechen; überhaupt: Ich widerspreche selten und Madame widerspricht auch selten; sie versucht nur besänftigend zu sein, dann und wann, wenn mich der Zustand eines Cafés wieder rasend machen will. Der äußere Eindruck erzählt nicht immer Wahres, sage ich Madame, und Madame gähnt; das weiß sie schon lange; das weiß sie doch schon so lange und Madame liest.

Ich sage jetzt nicht mehr Baum. Ich sage schöner Baum. Ich sage jetzt nicht mehr Haus. Ich sage altes Haus. Ich sage nicht mehr Schuh, ich sage kaputter Schuh. Ich sage nicht mehr Kind, ich sage fröhliches Kind. Ich sage nicht mehr Himmel, ich sage endloser Himme. Ich sage nicht mehr Angst, ich sage bedrückende Angst. Ich sage nicht mehr Auto, ich sage schnelles Auto. Ich sage schnelles, orangefarbenes, viertüriges Auto. Ich sage nicht mehr Pferd, ich sage braunes Pferd. Ich sage nicht mehr braunes Pfers, ich sage braunes, mähnenschweif schwingendes, wieherndes, nach einem braunen, mähnenschweif schwingenden, wiehernden Pferd riechendes Pferd. Ich sage nicht mehr Hoffnung, ich sage zerschmetternde Hoffnung. Ich sage nicht mehr zerschmetternde Hoffnung, ich sage leerstehende,entrückte, zerschmetternde, belogene Hoffnung. Ich sage nicht mehr Mond, ich sage stiller Mond. Sage leuchtender, schweigender, weiser, dunkelgelber, von Wolken linksseitig verhüllter, die Nacht durchbrechender Sichelmond. Ich sage nicht mehr ich sage, ich sage ich, verzweifelt, sage. Ich sage: Mit Gewalt. Mit Gewalt versuche ich den Dingen Bedeutung zu geben, denn das ist wichtig an den Dingen, dass sie Bedeutung haben, es ist nötig, dass die Dinge Bedeutung haben, und ich gebe ihnen Namen, ich sage: Baum. Ich sage grüner Baum, und meine: Frühling, meine: Leerstehender Frühling.

Herz, Komma 5. Ich habe eine neue Frequenz gefunden. Bislang kann ich die Stimmen jedoch noch nicht verstehen. Herz, Komma 5. Das Neueste aus der Welt bei Herz, Komma 5. Ich verstehe wirklich nichts. Madame schaltet den Fernseher ein. Sie liegt links auf dem Bett. Ich versuche dem fremden Sender zu lauschen. Herz, Komma 5. Aber da bricht der Irak gerade wieder ein , sterben Kinder und Menschen, aber wen stört das schon, würde Madame jetzt sagen, es gibt noch genug andere Cafés, und wenn man einen anderen Sender fände, wäre es auch nicht anders, und warum, das sollte ihr auch nicht ganz einleuchtend sein. Das verstehe ich, und suche verzweifelt nach der mir abhanden zu kommen drohenden Frequenz Herz, Komma 5. Madame, das Leben ist Wahnsinn! brülle ich plötzlich. Madame kann nicht ganz einsehen, was an einem Café Wahnsinn sein solle, es sei doch nur ein Café, ach Madame, ich kann ja nicht widersprechen. Ich habe mir nun orangefarbene Stulpen und Handschuhe gekauft, das ist nötig in so einer Zeit.

Ich fahre weiterin zu Boden. Was es macht, wenn jetzt ein Herz bricht? Ein wenig Lärm, vielleicht vergleichbar mit dem Husten einer Heuschrecke. Madame und ich sind schließlich auch irgendwann wieder zurück gekehrt. Wir haben das Sprechen nicht gelernt. Madame und ich sitzen nun da vor diesen Spiegeln, glätten uns die Haare, föhnen uns die Lippen, beschmieren weiße Wände mit roter Farben, schreiben schreiend: DIE WÜRDE DES MENSCHEN SEI UNANTASTBAR.

Auf unserem Nachttisch liegt eine Bibel. Nicht im Ernst! mein Madame, aber ich weiß nicht, wer mit uns scherzen sollte. Also habe ich gelernt, jedoch nie das, was ich sollte. Also wurde es Licht und am dritten Tag wurde es Himmel und der achte Tag brach die Welt entzwei und am neunten Tag versammelten sich alle Herzen und am zehnten Tage wurde gerichtet, dann fehlten allerdings die Zeit für weiteres.

Madame nimmt mich nicht immer ernst, aber manchmal nimmt sie mich ernst, namentlich dann, wenn ich mich selbst nicht ernst nehme. Ich weiß nicht, was daran so nötig sein sollen, an einer gewissen Ernstgaftigkeit; aber gewiss, ich nehme alles recht ernst, so ernst, dass ich durchaus weiß, dass nur eine gewisse Leichtigkeit alle Ernstheit ertragbar macht. Aber Madame gähnt nur, Madame weiß das ja auch schon so lange, sie weiß das schon so lange wie sie Madame ist.

Ich ernähre mich seit einigen Tagen ausschließlich von Salz. Ein französischer Onkel, der jetzt mit einer asiatisch-afrikanischen Frau in England lebt, hat mir auf deutsch gesagt, dass es gut sei, Salz zu schlucken: Gegen die Übelkeit und den Brechreiz. Mir ist also seit Wochen schlecht und ich breche Salz. Das macht nicht viel, da ich endlos viel davon habe. Wenn ich es nicht aus mir rausbreche, fließt es aus meinen Augen, ich weiß nicht, woher mein Körper so viel Salz nimmt, aber es ist da, in scheinbar schier endlosen Massen, ein Volk könnte ich davon mit Salz versorgen, ein ausgetrocknetes Meer vollweinen, sage ich Madame, die schon lange eingeschlafen ist. Madame schläft in letzter Zeit früh, aber sie steht auch früh auf, weckt mich dann, wenn sie aufsteht, ich lasse den Morgen dann verstreichen, wünsche mir schon im Austehen bald wieder einnicken zu können; sage Madame, dass ich gleich käme; und was tut schon Zeit, und was tut schon, wie weit man etwas genau nimmt; es bleibt ja schließlich gleich.

An dieser Stelle muss ich mich durchaus grob unterbrechen, muss mich zwingen, meine Gedanken auf andere Bahnen zu lenken, um nicht gänzlich abzukommen von einem Kurs, von dem ich nicht weiß, ob er überhaupt vorhanden ist; und das, obwohl alle Kutschen unserer Zeit Navigationssysteme enthalten, vielleicht, da es erst in unserer Zeit nötig geworden ist, Navigationssysteme zu halten.

Nun weiß ich jedoch in keinster Weise, auf welche Bahn ich mich lenken soll. Madame ist nun wieder abgereist, Madame klopft mir zum Abschied auf die Schulter, weil für mehr nicht die Zeit ist, überhaupt: Alles scheint mir recht verhetzt; Woyzeck! ruft es von vorne, der gute Herr Exgeneral hatte mir durchaus versucht zu erklären, was es mit ihm auf sich habe, aber zu der Zeit, namentlich damals, namentlich morgens, hatte ich auch wirklich ganz andere Sorgen, teilte den Tag in seine zähen Einzelteile und dann war ich immer damit beschäftigt, alles zusammenzufügen. Wenn aber der Woyzeck wahnsinnig geworden sei, so habe er mein vollstes Verständnis, sagte ich dem Herrn Exgeneral, der daraufhin nur hustete, als habe er seit Tagen keine Luft mehr bekommen. Das verstehe einer, schimpft der Herr Exgeneral, lässt den Schlüsselbund in seiner Hand springen, tanzt stehend auf seinen starren Beinen, fährt sich über sein weißgraues Haar. Das soll einer verstehen, murmelt der Herr Exgeneral, als verstünde er überhaupt nichts mehr; und wie das denn gehen soll, frage ich mich, aber ich staune; ja, sagt der Herr Exgeneral, durchbohrt mich dabei mit seinen Augen; Was er mir denn jetzt von Woyzeck habe sagen wollen, und ob er denn nun wahnsinnig geworden sei, so wie die andern viele, ob er sich das Leben genommen habe und woher er überhaupt käme; ja, so ist das halt, sagt der Herr Exgenerall - mit Sicherheit ein zu weites Feld; das ist ein kaltherziges Weib, die Bitch Elisabeth - - -


Tag: Schon lange ein anderer, Jahr: Noch immer mit einer 2 am Anfang, Stimmung: Nach einem gemeinem Schnupfen auf dem Weg der Besserung.

Es sind nun viele Tage vergangen. Madame trennte sich von mir, ich trennte mich von Monsieur. Auch Bonlui versprach nicht, was er in großen Tönen zuvor herausposaunt hatte und alles blieb beim Gewöhnlichen. Ein unendlicher Hunger hatte Besitz ergriffen von mir: Hunger nach Ruhe, weniger nach Geborgenheit; damit hatte ich abgeschlossen. Aber diesem ständigen Lärm zu entkommen, dem Hupen und Quietschen, dem Geschrei der Kinder, den schreienden Blicken der Bettler, dem lärmenden Sterben der Alten , das wünschte ich mir, und wenn ich nicht in einer Stadt war, so wünschte ich mir, dem Lärm meiner Gedanken zu entkommen, die sich über die ewig gleich aussehenden Felder legten: Weizenfelder, Maisfelder, Sonnenblumenfelder, zerfurchte Ackerlandschaften, leerstehende Bäume.

Ich hatte mich mit einem Brief von Monsieur verabschiedet:

Monsieur,

unser Leben ist ein rauschend buntes Fest, wir celebrieren es in unseren nackten Träumen, brechen es aus unseren vollen Leibern, würgen Brei um Brei hervor, begießen unsere ausgetrockneten Münder mit feinstem Champagner, so wir es uns von einer Zeit zur andern leisten können, begutachten Begutachtende mit wissenschaftlichen Blicken, die an der Leere sämtlicher Inhalte mürbe werden; Monsieur, und dann und wann sprechen wir von Religionen und Kirchen und sagen: Aber es ist alles gut so, weil du liebst, weil du lieben kannst und weil du geliebt wirst. Aber Monsieur, das sage ich Ihnen, dieses rauschende Fest, das in meinen Ohren lärmt und das Licht meiner Augen wie mit Feuerwerkskörpern um ein Vielfaches sprengt, zerfetzt im selben Moment, allzugleich meine innersten Innereien, reißt mir die Därme aus den aufgerissenen Augen, lässt das Blut aus den aufschwellenden Adern meine nichtssagenden Hände hervorstoßen; verätzt mir Speiseröhre und Rückenmark und das allerschlimmste aber, Monsieur, bricht mir das bisschen restliche verbliebene Rückgrat, Ihnen zu sagen: Aber ich liebe Sie nicht, Monsieur, und wie soll da also irgendetwas gut sein.


Monsieur schrieb zuvor, dass er noch immer so etwas wie Liebe empfinde, aber ich war schon lange enttäuscht, ich war ungemein enttäuscht, weil Monsieur das Verlangen nach etwas Besonderem hatte, aber doch nicht den Mut zu einer besonderen Liebe.

Nun erwähnte ich Bonlui bereits, und möchte nun also sagen, was es mit Bonlui auf sich hatte. Bonlui kam als Freund zu mir, und bevor er Monsieur wurde, war er Bonlui, war einfach nur gut, war die Schulter an die ich mich lehnte. Als er aber Monsieur wurde, wurde er zu einem dieser Männer wie sie alle sind: Verlangte und wollte, bat um Liebe, weinte und verließ mich doch.

Nichtsdestotroz: Bonlui hatte mich geliebt und manchmal hatte ich mir durchaus überzeugend gesagt, ihn ebenfalls zu lieben. (Er selbst war von meiner Liebe überzeugt.) Wir waren, freundschaftlich und körperlich gesehen, fortdauernde Vereinigung und Trennung. Er war immer wenige Tage da, dann wurden wir eins, dann ging er fort und alles war Trennung. Bonlui zauberte. Manchmal zauberte er und entlockte den merkwürdigsten Gegenständen die zauberhaftesten Geräusche. Ich schloss dann meine Augen und dachte. Ich dachte oft und viel. Abends, wenn Bonlui nicht da war, zählte ich die Gedanken, malte sie in das Weiß der Wände, schrieb sie mit meinem ausgstreckten und suchenden Zeigefinger in schwarze Dunkelheit, zählte sie, reihte sie aneinander, verschob sie in ihren Reihen, tauschte sie gegeneinander aus, ich zauberte auch: Ich zauberte aus den aufgereihten Gedanken neue Gedanken. Das tat ich immer, wenn Bonlui nicht da war, und die Nächte deswegen lang und der Schlaf deswegen unerholsam. Bonlui und ich waren Vereinigung und Trennung; wir waren das ständig, und weil wir uns ständig zusammenfügten und auseinanderrissen, wussten wir, dass das so nicht lange würde gutgehen können. Wir fügten uns schon lange Zeit zusammen und trennten uns; und Bonlui hält keine lange Zeit aus.

Ich war oft krank. Ich lag dann körperlich und seelisch geschwächt in einem immer stickiger werdenden Zimmer, da ich mich schon lange nicht mehr getraute, die Fenster zu öffnen; aus Angst vor weiterer Krankheit. Verließ aus einer allgemeinen Unlust heraus nicht mehr Zimmer noch Haus. Vernachlässigte schon lange alles und war darüber ganz gleichgültig. Bonlui hatte mich dann gepflegt. Hatte Wasser aufgesetzt, Suppe gekocht, mich ratlos angeschaut, war wieder gegangen. Das nunmal war es an Bonlui: Er konnte nicht bleiben und ich wurde darüber krank. Madame kam auch ein Mal vorbei, lächelte, musste jedoch ebenfalls weiter. Wer will schon sehen wie ein Mensch die Krankheit zum Mittelpunkt macht; hilflos dabei zusehen. Ich kann das verstehen, auch wenn mich die Einsamkeit schmerzt. Aber sind denn die Menschen wirklich so hilflos?

Ich, 2, 3

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Monsieur,

unser Leben ist ein rauschend buntes Fest, wir celebrieren es in unseren nackten Träumen, brechen es aus unseren vollen Leibern, würgen Brei um Brei hervor, begießen unsere ausgetrockneten Münder mit feinstem Champagner, so wir es uns von einer Zeit zur andern leisten können, begutachten Begutachtende mit wissenschaftlichen Blicken, die an der Leere sämtlicher Inhalte mürbe werden; Monsieur, und dann und wann sprechen wir von Religionen und Kirchen und sagen: Aber es ist alles gut so, weil du liebst, weil du lieben kannst und weil du geliebt wirst. Aber Monsieur, das sage ich Ihnen, dieses rauschende Fest, das in meinen Ohren lärmt und das Licht meiner Augen wie mit Feuerwerkskörpern um ein Vielfaches sprengt, zerfetzt im selben Moment, allzugleich meine innersten Innereien, reißt mir die Därme aus den aufgerissenen Augen, lässt das Blut aus den aufschwellenden Adern meine nichtssagenden Hände hervorstoßen; verätzt mir Speiseröhre und Rückenmark und das allerschlimmste aber, Monsieur, bricht mir das bisschen restliche verbliebene Rückgrat, Ihnen zu sagen: Aber ich liebe Sie nicht, Monsieur, und wie soll da also irgendetwas gut sein.

...

Das Problem mit den Männern ist, dass sie früher oder später immer irgendetwas wollen. In ihnen schlummert noch immer der besitzergreifende Jäger- und Sammlerinstinkt. Im Grunde können sie es überhaupt nicht ertragen, für eine Frau, die sie ins Auge gefasst haben, nichts besonderes zu sein, können die Unabhängigkeit einer Frau nicht ertragen, können es vor allem nicht hinnehmen, als Versorger abdingbar zu sein, wünschen sich am liebsten, - bei allem Verstand -, ein schwaches Weib, ein zartes Geschöpf, das auf ihre sichere, männliche Hand angewiesen ist.

Dafür können die Männer nichts, das liegt also in ihrer Veranlagung, - ist ihnen seit Jahrtausenden mitgegeben. Man könnte weitergehen und behaupten, sie wären zu dumm, um über sich selbst zu stehen.

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